Weltbilder und Kosmologien aus dem Mittelalter
Dieser Holzstich, veröffentlicht von Camille Flammarion einem Astronom des 19. Jahrhunderts, stammt wahrscheinlich aus dem Spätmittelalter um 1600.
Flammarion nutzt diesen Holzstich um mittelalterliche Kosmologien für rückständig zu erklären, vorallem versucht er die mittelalterliche Vorstellung von der Flacherde gegenüber seiner modernen Weltsicht des 19. Jahrhunderts in seinem Buch, „L’atmosphère, Météorologie populaire“, ins Lächerliche zu ziehen. Allerdings machen heutige Forschungen deutlich, dass es das Verständnis von der Flacherde im Mittelalter als vorherrschende Meinung garnicht gab, sondern allenfalls von einigen Wenigen diskutiert wurde, und die Vorstellung von der Erde und des Mondes als Kugelgebilde annerkannte kirchliche Lehrmeinung und vollkommen geläufig war.
Das Interessante dieses Holzschnittmotives vom Pilger jedoch, der seinen Blick sowohl vom Betrachter als sich auch von seiner eigenen Welt abwendend jenseits des Horizonts richtet und dabei den ersten Himmel mit dem Kopf durchstößt, ist das Vorhandensein eines zweiten Himmels hinter dem ersten, bestirnten Himmel. Das Bild zeigt also weniger ein Abbild vom mittelalterlichen Verständnis der kosmischen Realität als eine Allegorie des weltabgewandten Wanderers auf dem Weg zur Erfahrung von Jenseitigem. Das Diesseits verstanden als die Welt des Jetzt mit seinem dazugehörenden erfahrbaren Sternenhimmel, das Jenseits als der die Wirklichkeit umschliessende zweite, dritte, vierte Himmel. Dante kannte sogar neun Himmel und nur der erste galt als der Bestirnte, die jenseits davon hießen Kristal-, Feuer-, Smaragdhimmel usw..
Woher kommen aber die Auffassungen vom mehrfach geschichteten Himmel? Stammen sie aus dem Mittelalter selbst oder sind deren Quellen älter? Kenner der muslimisch arabischen Welt wissen, daß bereits im 3.-5. Vers der 67. im Koran offenbarten, mit der Überschrift Al-Mulk, die Herrschaft betitelten Sure, um etwa 680 nach Christus, es sehr klar heißt: „Wir haben den Himmel in sieben Schichten geschaffen“, und weiter im fünften Vers, daß der unterste oder innerste Himmel der Bestirnte sei, dessen beobachtbaren Sternschnuppen Geschosse sind, um die Teufel zu beschiessen.
Das Beschiessen der Teufel mit ebendiesen Lichtgeschossen, ist gleichsam modern und mythisch, modern weil es die Beschaffenheit die Herkunft dieser Geschosse identifiziert, aber eben deshalb mythisch, weil es Teufel als deren Ziele benennt und damit zugleich den Grund und die Absicht ihres Auftretens. Heutzutage behaupten Astronomen die Ziellosigkeit der Meteorbahnen und das Wirken von Gravitationskräften, die ihre Flugbahn bestimmen und skizzieren den kataklystischen Zufall eines großen Meteortreffers auf der Erde, der die Menschen und ihre Zivilisation auslöscht. So wirkt im koranischen Bild die beruhigende Geste des, es kann nur die Bösen treffen, wohingegen der postmoderne Mensch sich darin gefällt jederzeit von Meteoren getroffen werden zu können. Diese endzeitliche Auffassung hat sicher auch ihren Ursprung in dem Gedanken, daß wir Menschen und unsere Zivilisation uns als metastasierend und bösartig, weil die eigene Lebensgrundlagen zerstörend erkannt haben wollen.
Kosmologien der Moderne, die Welt des kleinen Prinzen
Die Moderne hatte ein mechanisches Weltbild von sich in Raum und Zeit allein der geheimnisvollen Kraft der Gravitation verpflichteten Körpern behauptet. Ihr Beginn, die kopernikanische Wende, mündet in den newtonschen Gesetzen und rücken die Idee vom Mittelpunkt der Erde ins Reich der Phantasie, denn wenn es überhaupt etwas gibt, was den Anspruch auf Mittelpunkt hat, dann nur etwas mit ganz großer Anziehungskraft. Und wieder wird vor uns ein Bild vom alles beendenden Verschlingers ausgebreitet, der selbst Licht nicht entkommen läßt und an dessen Rand, der Ereignishorizont, dem nichts mehr entkommt; das schwarze Loch!
Dem Mittelpunkt und den Himmelsschichten von der kosmologischen Vorstellung der Moderne beraubt, sind wir zu Bewohnern eines Planeten geworden, der auf seiner Umlaufbahn in der unermesslichen Leere dahinrast und das Einzige was uns bleibt, dieser gewaltigen Verlorenheit zu entgehen, ist das Ändern des eigenen Standpunktes beim Besuch des Fremden auf dessen Planeten, wie es so wunderschön anrührend Antoine de Saint-Exupéry in seinem kleinen Prinz erzählt hat.
Werden Himmelsfahrten im muslimischen Orient und von mittelalterlichen Mystikern noch als das Durchschreiten der Himmlischen Sphären und damit der Annäherung an Gott beschrieben, so zwingt die Kosmologie der Moderne unseren Verstand in den Sternenhimmel und dessen allgültigen Naturgesetze für wahr zu halten. Wenngleich die Zeiträume und Entfernungen dieser Sternenwelt ins Unermessliche wachsen, so wird sie doch zum Gefängnis für Körperbehaftetes Verstehenwollen, dessen Ende und Frieden sich nur in der Bewußtlosigkeit des Todes für sich selbst erkennende Menschen findet. Unendlich kleine Augenblicke von Bewußtsein im Meer der Leere gegenüber unerbittlich gewaltigen Kräften, die über Jahrmilliarden und unüberbrückbare Distanzen wirkten, in denen selbst das schnell reisende Licht versinkt. Menschen werden so zur größten Verschwendung vor dem Hintergrund des Unermesslichen. Ohne Mitte und Ziel, ausgeliefert an das Gezänk um Besitz und Einfluß im hier und jetzt, verlieren wir jede Orientierung.
Der Mensch ist kaprizöses Treibgut aus Sternenstaub.
Postmoderne Kosmologien, Staunen und Rätselhaftes
In den letzten Jahren ist die Forschung der Physik vom Kosmos gewissermaßen explodiert und das Verständnis dessen, was wir vom Universum zu wissen glauben in die Knie gegangen. Neueste Berechnungen haben ergeben, daß 95% dessen was Kosmologen nicht kennen, sie nennen es dunkle Materie und dunkle Energie, sei also nichts was Licht aussendet, und nur die verbleibenden 5% Information sind aus Lichtquellen und ist das wovon Physiker sprechen, wenn sie mit ihren kaum nachvollziehbaren Berechnungen um Verhältnisse Zusammenhänge zwischen den Größen in jener beobachtbaren Sternenwelt herleiten.
Und doch erkennen sie in ihren Gleichungssystemen zunehmend ein fein aufeinander abgestimmetes Ebenmaß von physikalischen Größen und mathematischen Gebilden, was sie über die Maßen erstaunt. Am allererstaunlichsten ist dabei das Zahlengefüge dort, wo menschlich selbstbewußtes Leben existiert. Ganz gleich, ob es sich um die Größe des Mondes, sein Abstand zur Erde, der Abstand der Erde zur Sonne und deren explizite Größe, die Lage des Sonnensystems in der Milchstraße, die Geschwindigkeit von Licht und das um viele Nachkommastellen genaue Planck´sche Wirkungsquantum handelt, alles muß genau so sein, damit wir überhaupt sein können, um uns darüber Gedanken zu machen. Und es scheint sogar so zu sein, je genauer Physiker nachforschen, umso detailgenauer müssen solche mathematischen Verhältnisse und Größen sein als lebten wir im Unwahrscheinlichsten aller möglichen Universen.
Selbst die mittelalterliche Frage um die Mitte hat uns wieder eingeholt als unerwartete Ergebnisse zutage gefördert wurden, als uns klar wurde wie sich alles gleichzeitig von der Erde und mit je höherer Geschwindigkeit von uns Beobachtern wegbewegt je weiter es von uns entfernt ist. Auf diese Weise und das Ermitteln der Rotverschiebung des Dopplereffektes entfernter Galaxien sind wir wieder in einen Mittelpunkt des Universums zurückgekehrt. (Mittelpunkt des Universum)
Und wieder erstaunt uns der 3. und 4. Vers aus der 67. Sure, Al-Mulk im Koran und sagt genau diese Erfahrung vom feinabgestimmten Ebenmaß vorraus, sodaß selbst jedes noch so genaue Hinschauen und Untersuchen uns nur umso ermüdeter zu uns zurückkehren läßt. In diesem Zurückkehren des Blicks, einer stilistisch eigenartigen Figur, wird eine interessante Beobachtung deutlich, daß nämlich derjenige der genau hinschaut, etwas untersucht, seinen Blick aussendet und nachdem der ausgesendete Blick nichts finden kann, was nicht makellos ist, kehrt dieser Bick ermüdet zum Forschenden selbst zurück. Will sagen, all seine Bemühungen etwas zu finden, was nicht vollkommen ist, bleiben ergebnislos und jede Anstrengung einen Makel zu finden erfolglos, sind ermüdent und führen zu Überdruss. Inkludent stellt sich die Frage, wohin lohnt es dann seinen Blick zu richten, oder ist schon in der Art des Blickes, der Lückenbehaftetes sucht, der Mangel enthalten?
()الَّذِي خَلَقَ سَبْعَ سَمَاوَاتٍ طِبَاقًا ۖ مَا تَرَىٰ فِي خَلْقِ الرَّحْمَٰنِ مِنْ تَفَاوُتٍ ۖ فَارْجِعِ الْبَصَرَ هَلْ تَرَىٰ مِنْ فُطُورٍ
ثُمَّ ارْجِعِ الْبَصَرَ كَرَّتَيْنِ يَنْقَلِبْ إِلَيْكَ الْبَصَرُ خَاسِئًا وَهُوَ حَسِيرٌ
[Sure Al-Mulk, Vers 3 und 4]
Ein Hinweis auf das Rätsel, mag in den unterschiedlichen koranischen Wortverwendungen dieser Erfahrung liegen, zunächst heisst es „ma tara“, dann „Al basara“. Dabei muß beachtet werden: Die automatische Verknüpfung von Verstandestätigkeit und der Erfahrung durch Sehen, ist eine Deutung, die sich uns Menschen erst seit der Moderne aufdrängt.


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