Zu jeder Nachtzeit zeigt der Mond einen anderen Ausschnitt seines Gesichts.
Ist er deshalb ein Ab- und Zunehmender? Nein, er bleibt so rund und vollständig wie eh und je, obwohl jeweils nur Ausschnitte beschienen sind und andere verborgen bleiben.
Das Erscheinen aus dem Verborgenen, sichtbar und erkennbar werden, wird bestimmt vom wie und wann dieses Hervorbringen stattfindet. Findet es allmählich statt, so dass der Vorgang selbst erkannt werden kann, sagen wir, es wird oder es vergeht. Passiert es plötzlich oder sehr langsam, sodaß wir das Hervorbringen und Verschwinden der Dinge nicht beobachten können, dann sagen wir zum Hervorgebrachten, es ist da oder vom Verborgenen, es ist nicht da.
Und doch, des Mondes Rückseite ist immer vorhanden, ist da, obwohl nur sein Gesicht beleuchtet wird und in Erscheinung tritt. Daß die immer verborgene Rückseite des Mondes da ist, wissen wir durch Nachdenken.
Demnach ist das Verborgene geschaffen und vorhanden, so wie auch das Offenbare, das in Erscheinung Tretende, vorhanden und geschaffen ist. Der Mond wird in seinen Phasen wie alles Erkennbare beleuchtet und tritt damit in Erscheinung und offenbart sich uns.
Durch Licht, Geruch, Schwere, Wärme, Stofflichkeit usw. also den Attributen der Dinge nehmen wir ihre Erscheinung wahr und das Verborgene wird durch unsere Fähigkeit nachzudenken, als vorhanden erkannt. Obwohl niemand die Rückseite des Mondes beobachtet hat, wissen wir, dass es sie gibt, vorhanden ist, denn die Beschaffenheit der Dinge setzt voraus, dass sie ein vorne und hinten, oben und unten, innen und aussen, Anfang und Ende haben.
Im Zeitverlauf werden die Dinge nacheinander oder nebeneinander hervorgebracht, beleuchtet, sie treten damit aus dem Verborgenen in Erscheinung. Wenn sich dieser Rhythmus des in Erscheinung Tretens der Dinge sich in ähnelnden Mustern wiederholt, bildet sich in uns der Gedanke, daß die Dinge auf geheimnisvolle Art miteinander verbunden sind.
Folgen diese sich wiederholenden Muster einer „zeitlichen“ Abfolge, so vermuten wir, dass die Dinge und ihr aufeinanderfolgendes in Erscheinung treten sich gegenseitig bedingen.
Diese von uns vermutete Bedingtheit der Dinge in „zeitlicher“ Abfolge nennen wir Kausalität. Wir bilden Sätze wie das Ding ist da, weil, aufgrund, bewirkt durch usw. das andere Ding zuvor da ist und immer schon in Erscheinung getreten ist.
Doch wir verstehen, dass die von uns angenommene Kausalität etwas ist, was wir denken müssen, sie ergibt sich nicht automatisch aus der Erscheinung der Dinge. So haben sich nach und nach Regeln entwickelt, womit wir prüfen, ob die von uns angenommene Bedingtheit der Dinge, schlüssig ist und die Erscheinungen nicht nur nebenläufig.
Ist eine kausale Betrachtung der Erscheinung der Dinge schlüssig, dann leiten wir daraus Regeln ab. Diese gedanklichen Schnellschritte und Abkürzungen helfen dabei, dass wir uns leichter durch? die Vielzahl der Erscheinungen orientieren.
Orientieren meint ursprünglich die Richtung aus der Stellung der Gestirne im Verhältnis zu Beobachtungsorten bestimmen und wurde nach und nach von der dinglichen Bedeutung abstrahiert und dann im übertragenen Sinn für jedwedes Richtung Finden eingesetzt.
Allein durch Betrachten des Mondes und seines regelmässigen nächtlichen Verlaufs und seiner Phasen erkennen wir, daß Dinge umfänglich verborgen und unverborgen sind, wir von ihnen nur erkennen können, was unsere Sinne empfangen oder unser Geist über sie denkt. Wir erfahren durch die nächtliche Himmelsbetrachtung, daß es regelmäßige Perioden und Wiederholungen von Erscheinungen der Dinge gibt, die uns zum Herausarbeiten von schlüssigen Zusammenhängen der Dinge führt, die wir dann zu Regeln verkürzen. Wir behaupten damit kausale Zusammenhänge, die uns beim Orientieren, dem Finden der Richtung unterstützen. Aus dem Woher ermitteln wir das Wohin.
Mag es für die Seefahrt oder Reisen durch Wüsten überlebenswichtig sein, dass die so ermittelte Richtung korrekt ist, so nutzt auch der General in der Schlacht, der Architekt bei der Planung und Bau eines noch nie dagewesenen Gebäudes, jeder von uns auf Wegen ins Ungewisse diese geistigen Fähigkeiten zur Orientierung. Wir alle ermitteln so die für uns richtige Entscheidung nach dem wohin.
Der Forscher, der Philosoph, Historiker, jeder der über die Herkunft der Erscheinungen nachdenkt und untersucht, will wissen woher die Dinge kommen. Mit dieser Arbeit justieren und verfeinern sie den Orientierungsapparat, um noch genauere Hilfen bei Entscheidungen nach dem wohin zu ermitteln.
Für den rein technischen Verstand, der allein nach dem praktischen Nutzen fragt und auch nichts anderes kennt, sind allein Verstehen von regelmäßigen Erscheinungen wichtig.
Für den kontemplativen Verstand ist wichtig zu verstehen, wie es zu den Erscheinungen der Dinge und ihrem Verschwinden im Verborgenen kommt und was sie in ihrer Gänze ausmacht.
Der gläubige Verstand sucht Gott und will verstehen, wie sein Orientierungsapparat arbeitet und wo er Täuschungen unterliegt. Der gläubige Verstand ist auf dem am meisten unbekannten aller Wege, sein wohin und Ziel ist jenseits der Ding-Welten der Erscheinungen des Offenbaren und Verschlossenem des Verborgenen.
Im Quran Sure Al-An’ām, Vers 75f wird die Geschichte und die Gedanken des Propheten Ibrahim erzählt. Er ist ein solcher Gottessucher und seine Gedanken zeigen wie er die Welt der Erscheinungen wertet und als untaugliche Ziele für seine Gottes Suche erkennt.
{ وَكَذَ ٰلِكَ نُرِیۤ إِبۡرَ ٰهِیمَ مَلَكُوتَ ٱلسَّمَـٰوَ ٰتِ وَٱلۡأَرۡضِ وَلِیَكُونَ مِنَ ٱلۡمُوقِنِینَ (75) فَلَمَّا جَنَّ عَلَیۡهِ ٱلَّیۡلُ رَءَا كَوۡكَبࣰاۖ قَالَ هَـٰذَا رَبِّیۖ فَلَمَّاۤ أَفَلَ قَالَ لَاۤ أُحِبُّ ٱلۡـَٔافِلِینَ (76) فَلَمَّا رَءَا ٱلۡقَمَرَ بَازِغࣰا قَالَ هَـٰذَا رَبِّیۖ فَلَمَّاۤ أَفَلَ قَالَ لَىِٕن لَّمۡ یَهۡدِنِی رَبِّی لَأَكُونَنَّ مِنَ ٱلۡقَوۡمِ ٱلضَّاۤلِّینَ (77) فَلَمَّا رَءَا ٱلشَّمۡسَ بَازِغَةࣰ قَالَ هَـٰذَا رَبِّی هَـٰذَاۤ أَكۡبَرُۖ فَلَمَّاۤ أَفَلَتۡ قَالَ یَـٰقَوۡمِ إِنِّی بَرِیۤءࣱ مِّمَّا تُشۡرِكُونَ (78) إِنِّی وَجَّهۡتُ وَجۡهِیَ لِلَّذِی فَطَرَ ٱلسَّمَـٰوَ ٰتِ وَٱلۡأَرۡضَ حَنِیفࣰاۖ وَمَاۤ أَنَا۠ مِنَ ٱلۡمُشۡرِكِینَ (79) }
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