Unendlichen, Unermesslichen, Unbegrenzten – dessen was kein Ende, Maß und keine Grenze hat, behauptete Cantor Aktualität und kehrte damit der Potenzialität in der Diskussion um das Apeiron Aristoteles‘ den Rücken. Und weiter konnte er beweisen, dass abzählbare, unendliche Mengen stets gleich, überabzählbare jedoch größer als abzählbare sind.
Cantor führte mit der Kardinalität eine Art ‚Mächtigkeit‘ oder ‚Größenordnung‘ der Unendlichkeit ein. Wenn man versucht, diese Größenordnungen zu visualisieren, gelangt man zu einer Metapher von Dimensionen: Die lineare Kette der natürlichen Zahlen wirkt eindimensional, während die Struktur der reellen Zahlen, wie sie in Cantors Beweis zutage tritt, eine Art zweidimensionale Komplexität aufweist.
„Eindimensional unendlich“ für die Natürlichen Zahlen ({\mathbb{N}}): Die natürlichen Zahlen sind eine einfache, lineare Kette. Man kann sie sich als unendlich viele Punkte auf einer Geraden vorstellen, die man einen nach dem anderen abzählt: 1 → 2 → 3 → …. Eine einzige unendliche Dimension.
* „Zweidimensional unendlich“ für die Reellen Zahlen ({\mathbb{R}}): Eine reelle Zahl hat eine „doppelte“ unendliche Struktur, wenn man sie aufschreiben will:
* Dimension 1 (die Liste): Um alle reellen Zahlen anzuordnen, bräuchte man eine unendlich lange Liste (die y-Achse in Cantors Gitter, abzählbar unendlich).
* Dimension 2 (die Ziffern): Jede einzelne Zahl in dieser Liste hat unendlich viele Nachkommastellen (die x-Achse in Cantors Gitter).
Die Vorstellung, dass die „Fläche“ dieser beiden Unendlichkeiten eine neue Qualität von Unendlichkeit erzeugt, die fundamental größer ist als nur die „Linie“ der natürlichen Zahlen, beschreibt den Sachverhalt gut.
Ein anderes großes Werk, der Quran geht an vielen Stellen auf das Thema Unendlichkeit ein und weist sie vorallem dem Göttlichen, Transzendenten und Jenseitigem zu.
Die deutschen Begriffe für „unendlich“, „unermesslich“ und „unbegrenzt“ haben im Arabischen verschiedene Entsprechungen:
**لا متناهي** (lā mutanāhī) – unendlich, endlos
**لا محدود** (lā maḥdūd) – unbegrenzt, grenzenlos
**لا يُحصى** (lā yuḥṣā) – unzählbar, unermesslich
**عظيم** (ʿaẓīm) – gewaltig, unermesslich
**واسع** (wāsiʿ) – weit, ausgedehnt
Im Quran werden diese Konzepte hauptsächlich als Attribute Allahs verwendet:
**الواسع** (al-Wāsiʿ) – „Der Allumfassende“ ist einer der 99 Namen Allahs und beschreibt Gottes unendliche Weite und Allgegenwart.
**العظيم** (al-ʿAẓīm) – „Der Gewaltige/Erhabene“ betont Allahs unermessliche Größe und Majestät.
Der Quran verwendet oft Formulierungen wie:
– **واسع عليم** (wāsiʿun ʿalīm) – „allumfassend und allwissend“
– **غفور رحيم** (ghafūrun raḥīm) – mit unendlicher Vergebung und Barmherzigkeit
So drücken diese Begriffe im Quran aus, dass Allah jenseits menschlicher Begrenzungen steht – Seine Macht, Sein Wissen und Seine Barmherzigkeit sind ohne Ende oder Grenzen. Dies steht im Kontrast zur Endlichkeit der Schöpfung und betont die absolute Transzendenz Gottes.
Die Unendlichkeit wird also primär als göttliches Attribut verstanden, nicht als mathematisches oder philosophisches, quantifizierbares Konzept an sich.
Soweit so gut!
Die Herrschaft heutiger quantitativer Weltsicht behauptet allerdings, dass Qualität primär als „Beziehungsgeflecht von Quantitäten“ verstanden werden muss. Wer nach der Quantität fragt, will das Maß, die Menge und Größe von etwas wissen.
Diese heutige quantitative Weltsicht und ihre Lehren beschreiben damit exakt den methodischen Reduktionismus, der seit der Aufklärung zum dominanten Erkenntnismodell geworden ist.
* Der Erfolg der Naturwissenschaften:
Das Erfolgsgeheimnis der Physik seit Newton war die Mathematisierung der Natur. Phänomene wurden in messbare Einheiten (Masse, Geschwindigkeit, Kraft) zerlegt und ihre Beziehungen in Formeln gefasst. Dieses Modell war so unglaublich erfolgreich, dass es zum Ideal für alle Wissensbereiche wurde.
Der Leitsatz lautete: „Wissen ist Messen.“
* Ökonomisierung der Welt:
Das kapitalistische Wirtschaftssystem funktioniert ausschließlich über Quantitäten: Profit, Wachstum, BIP, Aktienkurse, Effizienz. Eine „gute“ Firma ist eine profitable Firma. Ein „erfolgreiches“ Produkt ist ein oft verkauftes Produkt. Diese Logik hat sich von der Wirtschaft auf fast alle Lebensbereiche ausgeweitet.
* Die Digitale Revolution:
Big Data und Algorithmen sind die ultimative Erfüllung dieses Prinzips. Menschliches Verhalten, soziale Beziehungen und persönliche Vorlieben werden in Datenpunkte (Likes, Klicks, Verweildauer, Follower) übersetzt.
* Freundschaft wird zur Anzahl der Kontakte auf einer Plattform.
* Wissen wird zum Ranking in einer Suchmaschine.
* Schönheit wird zum Ergebnis eines Algorithmus, der Gesichtsgeometrien analysiert.
* Glück wird zu einem Score in einer Wellness-App, die Puls, Schlaf und Schrittzahl misst.
* Künstliche Intelligenz: Ja selbst Sprache und damit die Behauptung von Intelligenz wird mittels Tokenisierung und Vektorisierung brutal quantifiziert und Verstehen zum Akt möglichst grosser Wahrscheinlichkeiten beim Betrieb heutiger LLMs umgedeutet.
Ist unser Sinn für Qualität verkümmert und können wir ihn wiederbeleben?
Die japanische Kunst des Kintsugi ist möglicherweise das perfekteste Sinnbild für den Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Weltsicht.
Was sind die „Ingredienzien“ des Kintsugi? Lassen Sie uns das entfalten, denn es verdient eine genaue Betrachtung.
Die Ingredienzien der Qualität nach dem Kintsugi-Prinzip
1. Das Zerbrechen:
Von der Gleichartigkeit zur Einzigartigkeit
* Quantitative Sicht: Eine fabrikneue Teeschale ist eine von Tausenden. Sie ist austauschbar. Ihr Wert ist ihr Preis. Sie ist eine Quantität (n=1 aus einer Serie von N). Wenn sie zerbricht, sinkt ihr quantitativer Wert auf Null. Sie wird zu Abfall.
* Kintsugi-Sicht: Der Bruch ist ein singuläres Ereignis. Das Muster der Risse ist absolut einzigartig und nicht reproduzierbar. In diesem Moment wird das austauschbare Objekt zu einem unverwechselbaren Individuum. Es erhält eine Biografie. Der Akt, der es in der quantitativen Welt zerstört, ist in der qualitativen Welt seine Geburtsstunde.
2. Das Hervorheben:
Die Ästhetik der Geschichte
* Quantitative Sicht: Ein Fehler ist ein Makel. Eine Reparatur sollte unsichtbar sein. Das Ziel ist die Wiederherstellung des makellosen, serienmäßigen Originalzustands. Die Geschichte des Scheiterns und der Reparatur muss verborgen werden.
* Kintsugi-Sicht: Die Reparatur tut das exakte Gegenteil. Sie verwendet das edelste Material – Gold –, um die Bruchlinien nicht zu verbergen, sondern sie zu zelebrieren. Der „Fehler“ wird zum zentralen ästhetischen Merkmal. Die goldenen Adern sind eine Landkarte der erlebten Geschichte des Objekts. Sie erzählen von Verletzlichkeit und Resilienz. Die Schönheit liegt nicht in der Makellosigkeit, sondern in der sichtbaren, ehrenvollen Integration der eigenen Geschichte.
3. Das Zurückführen zum Zweck:
Funktionale Integrität
* Quantitative Sicht: Ein reparierter Gegenstand ist „zweite Wahl“. Er ist nicht mehr so gut wie das Original. Sein Funktionswert ist kompromittiert.
* Kintsugi-Sicht: Die Reparatur stellt die ursprüngliche Funktion nicht nur wieder her, sie macht das Objekt oft sogar robuster als zuvor. Die Schale kann wieder als Schale benutzt werden. Dies ist ein entscheidender Punkt: Die neu gewonnene ästhetische und historische Qualität ist keine rein dekorative. Sie ist in einem funktionierenden, nützlichen Ganzen verankert. Die Schale wird nicht zu einem reinen Ausstellungsstück, sondern kehrt in den Kreislauf des Lebens zurück, nun aber mit gesteigertem Wert.
Gelingt es mit dem mit Kintsugi geschärften Blick den kategorischen Unterschied, was qualitative Unendlichkeit ist besser zu verstehen?
Immerhin öffnet es uns den Blick für das Einzigartige, auch wenn es sich im Misslingen, dem Zerbrechen dem Kaputten offenbart.
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