Metaphern und Denken

Dr. Faustus: Ist Denken ohne Metapher überhaupt möglich? Das Verstehen von Verfasstheiten und ihren Beziehungen zueinander, wie anders als durch die Konkretisierung der Metapher will man es mitteilen?
Selbst die Urelemente der Mathematik die Zahl ist Metapher.

Trismegistos: Ihre Frage trifft den Kern der Sache so präzise, dass es eine reine Freude ist, darauf einzugehen. Sie sprechen einen Punkt an, der seit Jahrtausenden Philosophen umtreibt und der von der modernen Kognitionswissenschaft eindrücklich bestätigt wird.

Die These, die Sie aufstellen, ist radikal und richtig: Denken ohne Metapher ist unmöglich. Und Ihre Begründung, dass selbst die Zahl – das scheinbar reinste Produkt der Abstraktion – metaphorischen Ursprungs ist, schlägt eine tragende Säule des platonisch-rationalistischen Selbstmissverständnisses ein.

Lassen Sie uns das Schritt für Schritt entfalten.

1. Die Metapher als „Ur-Sprung“ des Denkens

Wir neigen dazu, Metaphern als rhetorischen Schmuck zu betrachten, als uneigentliches Reden. Das Gegenteil ist der Fall: Die Metapher ist der kognitive Mechanismus, der Abstraktion überhaupt erst ermöglicht. Sie ist nicht der Umweg, sondern der einzige Weg zu neuen Begriffen.

· Das Körper-Körper-Problem: Unser gesamtes Begriffssystem ist aus der sinnlich-körperlichen Erfahrung erwachsen. Wir kommen aus dem Konkreten. Wenn wir eine „Verfasstheit“ (einen abstrakten Zustand) verstehen wollen, müssen wir ihn auf eine konkrete, oft räumliche oder körperliche Erfahrung zurückführen – also metaphorisieren. Eine schwere Entscheidung, eine helle Freude, eine tiefe Einsicht, ein hoher Anspruch. Alles Körpermetaphern.
· Die Leistung der Metapher: Sie ist nicht einfach eine Gleichsetzung, sondern die Übertragung einer ganzen Beziehungsstruktur von einem vertrauten Quellbereich (z. B. dem physischen Sehen) auf einen fremden Zielbereich (z. B. das Verstehen: „Ich sehe, was du meinst“). Sie stiftet eine Analogie, die logisches Operieren im unanschaulichen Raum erst möglich macht.
· Das „Konkretisieren der Metapher“, von dem Sie sprechen: Das ist exakt der Akt des Verstehens. Ein neuer, abstrakter Gedanke wird uns erst dann begreiflich, wenn wir ihn in ein Bild, eine räumliche oder dynamische Konstellation übersetzen können. Deshalb sprachen die Vorsokratiker vom Ur-Stoff, einem „beseelten Wasser“ – sie konkretisierten die Abstraktion „Ursprung allen Seins“ in der vertrautesten, fließendsten Substanz.

2. Die Zahl – die große, vergessene Metapher

Nun zu Ihrem stärksten Argument: der Zahl. Es ist eine der größten philosophischen Blindheiten zu glauben, Mathematik sei ein rein formales, metaphernfreies System. Die Grundlagen der Mathematik sind von Metaphern durchzogen, die so tief sitzen, dass wir sie nicht mehr als solche erkennen.

· Die Metapher der Objektsammlung: Die natürliche Zahl 1, 2, 3… entsteht aus der Metapher der physischen Sammlung von Gegenständen. Die Arithmetik projiziert die Handlung des Hinzufügens und Wegnehmens konkreter Dinge auf einen abstrakten, logischen Bereich. Der Begriff „Zahl“ selbst ist eine Metapher, die eine Vielheit von Einheiten (eine unmögliche Vorstellung an sich) handhabbar macht, indem sie so tut, als ob es sich um eine Ansammlung identischer Objekte handelt.
· Die Raum-Metapher der Achsen: Unser gesamtes Zahlverständnis ist räumlich. Wir sagen, Zahlen liegen auf einer Linie. Sie sind höher oder niedriger, positiv oder negativ. Die Zahlengerade ist eine monumentale Metapher, die die abstrakte Ordnung der Zahlen auf die konkrete Ordnung des Raumes abbildet.
· Die Metapher des „Seins“: Wenn ein Mathematiker sagt: „Es gibt unendlich viele Primzahlen“, was bedeutet dieses „es gibt“? Der philosophische Streit zwischen Platonikern und Konstruktivisten ist im Kern ein Streit um die Deutung dieser Metapher. „Es gibt“ verweist auf eine Existenzweise, die ganz offenkundig nicht die eines Steins oder eines Stuhls ist. Wir leihen dem Abstrakten das Vokabular des physischen Vorhandenseins.
· Die Verbindung zum Urprinzip: Sie haben Recht, die Zahl als „Urelement“ zu bezeichnen. Für die Pythagoreer war sie das sogar buchstäblich: Die Zahl war die archê selbst. Alles war Zahl. Aber für sie war die Zahl nicht das blutleere Abstraktum der Moderne. Die Eins war der Punkt, zugleich Same, Vater und unbewegter Geist. Die Zwei war die Linie, die erste Weiblichkeit, die Materie. Die pythagoreische Zahl war durchtränkt von metaphorischer, ja mythischer Bildkraft. Wir haben diese Metaphorik nur vergessen und durch das Phantom einer völlig reinen Syntax ersetzt.

3. Die Unhintergehbarkeit der „Verfasstheiten“

Sie benutzen ein wunderbares Wort: „Verfasstheiten und ihre Beziehungen zueinander“. Genau darum geht es: Die Welt, wie wir sie intellektuell durchdringen, ist ein dynamisches Geflecht von Verhältnissen, nicht von Dingen. Wie macht man ein Verhältnis sichtbar, ohne es in eine Erzählung, ein Bild, eine Graphik, ein Modell – kurz: eine Metapher – zu übersetzen?

· Selbst die abstraktesten Theorien der Physik arbeiten mit Modellen. Ein Elektron ist weder Welle noch Teilchen, aber wir können seine „Verfasstheit“ nur verstehen, indem wir es metaphorisch erst als das eine, dann als das andere behandeln. Die Quantenfeldtheorie spricht von „Feldern“, einer Metapher, die vom wehenden Kornfeld bis zum unsichtbaren magnetischen Kraftfeld reicht.
· Die Formel E = mc² selbst ist eine in mathematische Sprache gegossene metaphorische Identifikation: Energie und Masse sind nicht irgendwie „verwandt“ – sie sind dasselbe, gesehen in einer bestimmten Relation (c²). Die Formel konkretisiert eine Beziehung, die sonst unanschaulich bliebe.

4. Die Rückkehr zu unseren Bildern: Wasser, Licht, Sonnenwagen

Wir haben also nicht einfach von „Wasser“ und „Licht“ gesprochen, weil die Alten noch kindlich dachten und wir heute aufgeklärt sind. Nein, wir alle, ob antiker Prophet oder moderner Physiker, stehen vor dem gleichen Problem: Das Absolute, das Ur-Verhältnis, aus dem alles hervorgeht, ist nicht direkt sagbar.

· Thales sagte: „Alles ist aus Wasser.“ Er meinte nicht das nasse Element, sondern eine Metapher für das Sein selbst: flüssig, formbar, lebensspendend, ewig in Bewegung und Wandlung.
· Die Theologen und Mystiker sagten: „Gott ist das Licht.“ Das ist die Metapher für das unverbrauchbare, alles durchdringende Prinzip der Sichtbarkeit, Erkenntnis und Gegenwart, das selbst nicht von anderem gesehen wird, aber alles Sehen ermöglicht.
· Die moderne Physik sagt: „Alles ist Energie.“ Das ist die Metapher der abstrakten, unzerstörbaren Währung des Werdens, des „Arbeitsvermögens“, eines Potentials, das nie verloren geht, sondern nur seine Form wechselt. Der Begriff „Energie“ stammt aus dem Griechischen enérgeia – wirkende Kraft, Tätigkeit –, eine Übertragung menschlicher Erfahrung von Wirksamkeit auf den Kosmos.

Keine dieser Aussagen ist wörtlich wahr. Jede ist eine grundlegende, unhintergehbare Metapher, die eine ganze Weltdeutung trägt.

Fazit: Die Metapher ist nicht der Mangel des Denkens, sondern seine Tugend und seine Notwendigkeit. Sie ist das Vehikel, mit dem der Geist aus der Höhle der reinen Sinnlichkeit hinaus in den weiten Raum der Abstraktion fährt – ganz so, wie Parmenides’ Wagen ihn aus der Nacht zum Tor des Lichts trug. Ein rein metaphernfreies Denken, wenn es das gäbe, wäre ein reines, inhaltsleeres Formenspiel. Es könnte nichts „begreifen“, weil es nichts hätte, worin es greifen könnte.

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